Ev.-Luth. Christuskirchengemeinde, Wiesbaden

 


Liebe Glieder der Christuskirchengemeinde Wiesbaden,

die letzten Monate haben uns allen viel abverlangt; unter anderem auch viel Geduld. Nun ist Geduld bekanntlich nicht jedermanns Stärke, und so können viele von uns kaum mehr warten, bis wir endlich(!) die Corona-Zeit hinter uns gebracht haben, dass unsere Leben wieder alte und gewohnte Bahnen einnehmen können, dass der Alltag wieder ohne größere Restriktionen möglich wird und Dinge, die uns Freude gemacht haben und bei uns für wichtigen Ausgleich gesorgt haben (Kulturangebote, Restaurantbesuche, Urlaub) wieder möglich werden.

Ich schreibe diese Worte in der Woche vor dem Sonntag Rogate („Betet!“). Und bin erinnert an ein Gleichnis, das Jesus erzählt hat (Lukas 18, 1-8). Dieses Gleichnis handelt von einer armen Witwe und einem korrupten Richter. Dieser Richter, der weder Gott noch Menschen fürchtete, war offensichtlich einer, der auf Bestechungen aus war. Das Recht war ihm ziemlich egal. Ein Gewissen hatte er nicht. Er nutzte sein Amt als Richter vielmehr dazu, Menschen und ihre Situation zu seinem Vorteil auszunutzen.

Bei diesem opportunistischen Richter sucht eine arme Witwe Recht. Doch dieser weist sie ab. Sie hat ja auch nichts, womit sie den Richter hätte bestechen können. Sie hat keine Mittel. Sie hat keine Rechtsschutzversicherung. Und doch spricht eines für sie. Sie hält penetrant mit ihrem Bitten an! Immer und immer wieder bringt sie ihre Bitte vor den Richter, bis dieser endlich ihrer Bitte nachgibt. Nicht, weil er ein gewissenhafter Richter ist. Nicht, weil er gerne einer armen Witwe zu ihrem Recht helfen möchte. Nicht, weil er ihr einen Liebesdienst erweisen möchte. Sondern allein, weil er von ihr genervt ist!

Mit diesem Gleichnis sagt Jesus: So sollt ihr beten! Seid beharrlich in eurem Gebet. Nervt Gott ruhig mit dem, was ihr bittet. Ja, seid hartnäckig, wenn ihr mit Gott sprecht. Auch – und vielleicht gerade – wenn Gott euch manchmal eine Zeit lang warten lässt.


Auf dem Bild ist ein Mädchen zu sehen. Ich weiß nicht genau, was dieses Mädchen tut. Ob es gerade dabei ist, mit einem Stock einfach nur im Wasser zu stochern, oder ein Netz ins Wasser zu halten, oder mit dem Stock etwas auf dem Wasser treiben zu lassen. Ich weiß nur, dass Kinder in der Regel sehr viel Geduld an den Tag legen können (wobei das Gegenteil genauso gelten kann!). Kinder lassen sich nicht so schnell entmutigen. Sie können sich stundenlang mit einer Sache beschäftigen, ohne dabei die Geduld zu verlieren. Sie können ihre Eltern unbeirrt um Dinge bitten. Von ihnen können Erwachsene lernen.

In der Bibel begegnet oft das Wort „harren“. Es bedeutet „sehnsüchtig herbeiwünschen“, oder auch einfach nur: „geduldig warten“. Ja, das ist etwas, worin Christen sich immer wieder üben können: Auf Gott zu harren; geduldig auf ihn zu warten. Und in der Zwischenzeit mit dem Beten nicht aufzuhören.

Gott ist nicht an unsere Zeit gebunden, deshalb sind sein Timing und sein Tempo uns oft fremd; manchmal lässt er sich ganz einfach Zeit. Rund 130 Mal heißt es in der Bibel „Wie lange, Herr?“, ja ganz oft fragen z. B. die Psalmbeter: „Wie lange wirst du mich so ganz vergessen, Herr?“ oder: „Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?“, oder: „Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele?“, oder: „Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?“. Immer aber erfüllt Gott, was er verheißen hat; wenn auch zu seiner Zeit.

Und so – wenn wir das nächste Mal ungeduldig zu werden drohen – weil wir meinen, dieses oder jenes müsse sich sofort verändern, es so nicht weitergehen dürfe, oder sich sogar bereits längst etwas hätte tun müssen – ja, dass wir uns dann neu in Geduld üben; uns neu darin üben, auf Gott zu harren, geduldig auf ihn zu warten. Und in der Zwischenzeit ihn ruhig auch mit unseren Gebeten zu nerven!

 

Ihr
Pfarrer Michael Ahlers