Ev.-Luth. Christuskirchengemeinde, Wiesbaden

 


 

  


Liebe Glieder der Christuskirchengemeinde Wiesbaden,

in meiner Heimatprovinz in Südafrika lautet die Begrüßung im Stamm der Zulu „Sawubona“ (ausgesprochen „ssa-ubóna”). Das meint erst mal so viel wie „Hallo!“ oder „Guten Tag“. Wörtlich aber bedeutet dieser Gruß: „Ich sehe dich!“ Das ist eine – wie ich finde – großartige Form der Begrüßung. Mein Gegenüber signalisiert mir: Ich sehe dich! Oder auch: Ich nehme dich wahr. Hinter dieser Begrüßung steht der Glaube, dass Menschen nur existieren, wenn andere sie sehen. Nur in der Gemeinschaft mit anderen kann der einzelne Mensch bestehen. Wer nicht gesehen wird, gehört nicht dazu. Wer hingegen gesehen wird, ist Teil der lebenswichtigen Gemeinschaft.

   

Das Bild zeigt den Jahresspruch für das Jahr 2023. Darauf ist eine junge, schwangere Frau zu sehen, die in der Wüste an einem Wasserloch kniet und mit einem Engel spricht. Dieser ist schemenhaft, groß und leuchtend hinter der Frau zu erkennen.

Abgebildet ist Hagar, die Magd von Sara (vgl. 1. Mose 16). Sie erwartet Abrahams Kind. Die Geschichte der Familie ist kompliziert und lässt sich in diesen paar Zeilen nicht nacherzählen. Auch die Kürze, in der die Erzählung im ersten Mosebuch steht, wird der Bedeutung dieser Geschichte für die Beteiligten eigentlich nicht gerecht.

Soviel jedoch in aller Kürze: Die Geschichte handelt von dem verzweifelten Plan einer Frau, die die Zugehörigkeit zur Familie sucht. Leider geht dieser Plan nicht auf. Die Geschichte handelt von einer unterdrückten Frau, die befreit wird – nur um selbst zur Unterdrückerin zu werden. Und sie handelt von Gott, der heilvoll eingreift in die Geschichte dieser Familie.

Damit sind wir schon bei der Jahreslosung und dem Titelbild. Hagar flieht vor der verbitterten Sara, weil sie den Konflikt mit ihr nicht länger erträgt. Sie nimmt dafür in Kauf, dass sie ihr eigenes Leben und das Leben ihres werdenden Kindes gefährdet, denn sie ist allein und den Gefahren der Wüste ausgesetzt. An einem Brunnen kommt es dann zu einer Begegnung mit einem Boten Gottes in der Gestalt eines Menschen. Der Engel nimmt Anteil am Geschick der Hagar. Er wendet sich ihr freundlich zu, begegnet ihr vertrauensvoll und hilft ihr in ihrer Not weiter.

Später wird Hagar feststellen: In diesem Engel ist Gott selbst mir begegnet. In meiner Not habe ich zu Gott geschrien, er hat mein Schreien gehört und die vom Boten angekündigte Wende meiner Not gebracht. Und so spricht Hagar bei sich: Für mich ist Gott – wie er auch sonst noch heißen mag – der Gott, der mich sieht. Oder mit anderen Worten, Gott, der sich in meiner Not mir zugewendet hat. Ja, Gott hat sie, die ausgestoßen und allein in der Wüste war, gesehen und ihr geholfen.

Aktuell befinden wir uns wieder in der Adventszeit. Dabei führen wir uns unter anderem wieder vor Augen, dass Gott Jahrhunderte nach Hagar erneut durch einen Boten mit einer jungen Frau gesprochen hat. Sie hat ganz ähnlich wie Hagar geantwortet: „Du – Gott – hast die Niedrigkeit deiner Magd angesehen.“

Unser Gott ist ein Gott, der uns sieht! Und nirgends wird das deutlicher als in seinem Kommen zu uns in Jesus Christus. Deshalb wird Gott Mensch. Um zu den Hirten, den Weisen, zu Maria und Joseph, zu den Jüngern sowie allen Menschen nach ihnen zu kommen und ihnen die frohe Botschaft zu bringen: Ich sehe dich! Du bist nicht allein in deiner lebensbedrohlichen Situation. Du bist nicht allein mit deiner Not und mit deinen Ängsten. Mit deiner Sünde, unter der du und deine Mitmenschen leiden, wie du unter ihrer. Ich sehe dich! Ich helfe dir! Ich nehme dich hinein in die Gemeinschaft mit mir, dem Vater, dem Heiligen Geist und allen, die zu uns gehören!

„Du bist ein Gott, der mich sieht!“ Lassen Sie sich auch in diesem neuen Kirchenjahr immer wieder neu einladen an den Ort, wo der Gott, der uns sieht, heilvoll zu uns kommt in seinem Wort der Vergebung in Beichte, Taufe, Predigt und Abendmahl.

Ihr
Pfarrer Michael Ahlers