Ev.-Luth. Christuskirchengemeinde, Wiesbaden

 

 

Aller Augen warten auf dich,
und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
Psalm 145, 15

Liebe Glieder der Christuskirchengemeinde Wiesbaden!

Dass längst nicht alle Menschen wissen, wem sie ihre Speise (und alles, was sonst noch zum Leben nötig ist) zu verdanken haben, zeigt diese Karikatur sehr schön.

Danke, Herr, für diese Speise,
die ich mit meinem eigenen Geld bezahlt
und vom Supermarkt auf dem Rückweg
von der Arbeit nach Hause gebracht habe,
und die meine Frau zubereitet hat; aber,
naja, danke trotzdem.

 

 

Ja, längst nicht aller Menschen Augen warten auf Gott. Es ist wohl eher so, dass in unserer heutigen Gesellschaft zunehmend immer weniger Menschen Gott als den Geber und Erhalter aller guten Gaben wissen. Vielmehr sehen sie in sich selbst die Garanten ihres Lebens und allem, was dieses Leben ausmacht; sie gehen davon aus, dass sie alle Errungenschaften und Leistungen sich selbst – und keinem anderen – zu verdanken haben.

Die Karikatur kann für uns ein Spiegel sein. Ja, wo übersehen wir vielleicht allzu leicht und schnell Gottes reichliches Geben und Erhalten in unserem Leben? Gerade am Erntedankfest sind wir geneigt, allein an die Ernte auf den Feldern oder im Garten zu denken, an die Arbeit der Bauern und an das Wetter. Kirchen sind in der Regel zum Erntedankfest hauptsächlich mit Früchten des Feldes geschmückt.

Dabei geht es am Erntedankfest um viel mehr als allein um den landwirtschaftlichen Ertrag, den Gott schenkt. Es geht, mit den bekannten Worten von Martin Luther, um „alles, was zur Leibesnahrung und -notdurft gehört“ (um alles, also, was wir brauchen für Leib und Leben). Das Erntedankfest kann uns helfen, dass wir alle guten Gaben Gottes erkennen, die er uns schenkt. Und mit Danksagung dieses „alles“ aus Gottes Hand empfangen.

Es kann hilfreich sein, sich nicht nur zum Erntedankfest, sondern regelmäßig hinzusetzen und den obigen Satz aus der Erklärung Luthers zur vierten Vaterunserbitte für sich selbst ganz persönlich zu vervollständigen: „Was heißt denn tägliches Brot? Alles, was zur Leibesnahrung und -notdurft gehört, wie …“ Wir werden staunen, wie viel uns da einfällt über das hinaus, was Luther aufzählt, wofür wir Gott dankbar sein können in unserem Leben (auch wenn Essen und Trinken und Kleidung doch immer ziemlich weit oben auf der Liste bleiben werden).

Möge Gott uns immer wieder die Augen öffnen für das „alles“, was er uns jeden Tag neu im Leben ernten lässt. Es ist in der Regel viel mehr, als allein das, woran wir traditionell am Erntedankfest denken.

Ihr

Pfarrer Michael Ahlers